Interview 2 zur ehrenamtlichen Arbeit in Bergedorf: Verein „Bergedorfer für Völkerverständigung“

Nach unserem ersten Interview mit Susanne Diem von den Bergedorfer Engeln setzen wir unsere unregelmäßige Interview – Serie mit dem Verein „Bergedorfer für Völkerverständigung“ fort.

Der Wert und die Wertschätzung ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer
In Bergedorf gibt es Menschen in unterschiedlichen Initiativen, die ehrenamtlich Flüchtlingen helfen. Angefangen beim schon lange existierenden Verein „Bergedorfer für Völkerverständigung“, über „Fluchtpunkt“ und viele weitere kleine und größere Projekte bis zur Seenotrettungsorganisation ResqShip.
Vor dem Interview mit Girija Harland vom Verein „Bergedorfer für Völkerverständigung“ werfen wir einen kurzen Blick in einen anderen Winkel der Republik. Dort macht sich offenbar eine gewisse Ratlosigkeit breit.

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Rheinland-Pfalz fühlen sich im Stich gelassen
Im Mai berichtete tagesschau.de über die Stimmung ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer in Rheinland-Pfalz. Deren Stimmung habe nämlich stark nachgelassen. Viele hätten sich zurückgezogen, weil sie sich von den Kommunen im Stich gelassen fühlten. Für die Kommunen wiederum ist das ein großes Problem. “Ohne das Ehrenamt geht es meiner Ansicht nach nicht”, wird die Sozialdezernentin von Ludwigshafen zitiert. Andererseits: Nach Ansicht des Flüchtlingsrates Rheinland-Pfalz haben Ehrenamtliche oft Aufgaben übernommen, die eigentlich hauptamtliche Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter machen müssten. An diesen Stellen werde in den Kommunen meist als erstes gespart. Und wenn Flüchtlingshelfer fehlen, wirke das sich unmittelbar auf die Integration aus.
https://www.tagesschau.de/inland/regional/rheinlandpfalz/swr-so-wirkt-sich-der-mangel-an-fluechtlingshelfern-auf-die-kommunen-aus-100.html

Nun, Hamburg ist kein Flächenland wie Rheinland-Pfalz, und Bergedorf ist keine Kommune, sondern Teil eines Stadtstaates. Auch das wird im folgenden Interview deutlich. Aber hauptsächlich auch die Besonderheit des Vereins und seiner Geschichte. Deutlich wird aber auch, dass um die Finanzierung dieser wichtigen Arbeit immer wieder neu gekämpft werden muss.

„Es kommt auch irgendwann der Zeitpunkt, da muss ein Projekt in der Finanzierung verstetigt werden.“ 

Unteilbar: Vielleicht kannst du uns erst mal in die Geschichte des Vereins „Bergedorfer für Völkerverständigung“ einführen.

Girija Harland: Der Verein hat sich 1988 anlässlich der Eröffnung der ersten Bergedorfer Unterkunft oben auf dem Gojenberg gegründet, um die geflüchteten Menschen in Bergedorf willkommen zu heißen. Eine der ersten Aufgaben war es dann, die Umbaumaßnahmen dieser alten Villa zur Wohnunterkunft zu begleiten.

Nach einem Aufruf der damaligen Bezirksamtsleiterin Frau Steinert im Sommer 1988, die Menschen dort willkommen zu heißen, haben wir als Gruppe aus SPD-Mitgliedern und anderen Bergedorfern verschiedener Nationen begonnen zu überlegen, wie wir unterstützen können.

U: Mit welchen praktischen Dingen habt ihr angefangen?

G: Als erstes haben wir uns über die geplante Ausstattung des Hauses informiert. Dann kam die Frage, wie können sich die Menschen dort ihr Essen selber zubereiten. Viele landestypische Gerichte müssen im Ofen zubereitet werden. Wir konnten erreichen, dass statt jeweils nur 2 Herdplatten und einem Spülbecken in einer Edelstahlarbeitsplatte auch Herde mit aufgestellt wurden. Da war es gut, dass Hamburg keine Zentralverpflegung hatte, so wie Bayern, denn Essen zubereiten gehört zu den Dingen, die man braucht, um Heimat zu empfinden, um Nahrungsgewohnheiten fortsetzen zu können. Selber kochen zu können gehört mit zur Würde.

U: Wir sind häufiger von Familien in der Wohnunterkunft eingeladen worden. Da wurde deutlich, wie wichtig es für sie ist, ihre Gastfreundschaft zeigen zu können und einen mit ihren traditionellen Gerichten zu bewirten.

G: Für die Familien ist dies eine Möglichkeit etwas zurückzugeben für die erfahrene Hilfe und Unterstützung.

Wir haben dann mit der Vereinsgründung angefangen. Wir wählten den Begriff „Völkerverständigung“ für den Vereinsnamen als Zeichen dafür, dass die Menschen in Bergedorf zueinander finden mögen, sich begegnen auf Augenhöhe, dass nicht einer dem anderen von oben herab sagt, wie Integration geht.

Dann gehört natürlich auch alles, was in so einer Wohnunterkunft an Unterstützung nötig ist, zur Vereinsarbeit: Behördengänge, Orientierungshilfen, ein offenes Ohr, Deutschunterricht, Kleiderspenden, Unterstützung bei der Beschaffung von Möbeln etc. Dann musste alles organisiert werden, dass die Menschen da die Möglichkeit hatten, ein bisschen menschenwürdig zu leben: Sommerfeste, Ferienaktivitäten und Unterstützung für die Kinder.

Mit dem behördlichen Programm der halboffenen Kinderbetreuung in Wohnunterkünften hatten wir als Verein in fast jeder Bergedorfer Wohnunterkunft Kindergruppen für 3 bis 6-jährige. Wir haben dann angefangen, Kinder auf den Schulbesuch vorzubereiten, dort Vorschulunterricht zu integrieren.

U: Ihr habt dann auch immer mehr Freiwillige ehrenamtlich bekommen, die dann die Arbeit unterstützt haben?

G: Wir sind auf Mitgliedersuche gegangen. Mit der Geflüchtetenwelle in den 90er Jahren kamen viele Menschen aus den Balkangebieten. Die wurden ja auch als Kontingent aufgenommen, ohne ein Asylverfahren zu durchlaufen. Ab 2013 bis 2015 / 2016 wurde die Zahl der Geflüchteten immer größer. Danach hatte man gedacht, dass weniger Geflüchtete kommen. Aber das ist mitnichten so. Jetzt sind noch mehr gekommen als 2015 / 2016. Es gibt weltweit immer mehr bewaffnete Konflikte und dann begann noch der Krieg in der Ukraine. Daher muss Bergedorf noch weitere 600 Wohnunterkunftsplätze bauen.

U: Hat sich denn die Anzahl der ehrenamtlichen Unterstützer dann auch so in demselben Maße vermehrt, wie die Anzahl der Flüchtlinge, die untergebracht worden sind und auch dann betreut wurden? 

G: Das kann man gar nicht so parallel setzen. Also wir hatten bis 2010 nur so um die 30 Mitglieder. Dazu kamen einige Ehrenamtliche, die mit unterstützt haben. Aber was uns geholfen hat, überall in den Wohnunterkünften auch Angebote zu machen, war die Möglichkeit über das Arbeitsamt LKZ Stellen zu beantragen, Lohnkostenzuschussstellen für über 50 jährige Langzeitarbeitslose. In Kombination mit dem Programm der halboffenen Kinderbetreuung haben wir dann in den größeren Wohnunterkünften je eine Kindergruppe und z.B. eine Lehrkraft einsetzen können. Es gab in den 90er Jahren viele arbeitslose Lehrer. Viele davon waren z.B. Deutschlehrer*innen. Die haben dann in der Wohnunterkunft alles abgedeckt: Vom Deutschunterricht über Teestube für die Männer, Frauengruppe, Ausflüge mit den Frauen und Hausaufgabenbetreuung bis zur Unterstützung Auszubildender. Da war eine Vollzeitstelle richtig gut ausgelastet. Das ermöglichte eine unglaublich gute Struktur, weil eine bis drei Hauptamtliche in der Wohnunterkunft waren, die mit dem Unterkunftsmanagement zusammengearbeitet haben und als Ansprechpartner das Vertrauen der Menschen gewonnen haben. 

Heutzutage gibt es diese Stellen nicht mehr. Jetzt mussten wir neue Fördermöglichkeiten finden.

U: Wie habt ihr das geschafft, euch da schlau zu machen, wie seid ihr da auf die Ideen gekommen?

G: Ich habe hauptamtlich im Jugendamt in Bergedorf – auch in der Asylberatung – gearbeitet und war darüber sehr weit vernetzt. Ich habe sehr viel Netzwerkarbeit und sozialräumliche Arbeit vom Jugendamt aus unterstützt.

Die Kenntnis der sozialräumlichen Strukturen hat mir sehr geholfen für die Flüchtlingsarbeit ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen, welches bis heute eng zusammenarbeitet. Viele sind im „Haus für Alle“ Kooperationspartner. Das heißt meine hauptamtliche Arbeit und die ehrenamtliche Arbeit haben sich gegenseitig sehr unterstützt.

U: Also hat sich denn von 1988 bis 2015 der Charakter, die Art dieser Arbeit, verändert?

G: Die Grundbedarfe der Menschen sind immer gleichgeblieben, aber die Möglichkeiten Projekte mithilfe von Förderprogrammen und Stiftungen zu starten, haben sich einfach mit der Zeit gewandelt. Und natürlich die Möglichkeiten, die die Ehrenamtlichen mitgebracht haben.

2015/16 kamen teilweise um die 70 neue Ehrenamtliche pro Woche. Die haben mit all ihrer Kreativität ganz viele neue Angebote entwickelt: Kleiderkammern entstanden, Handarbeitstreffs in Wohnunterkünften wurden angeboten, es gab unglaublich viele Kinderprojekte und ca. 120 Deutschlehrer boten Sprachkurse an.

Dann ist ein ganzes Netzwerk von Trägern Hamburg weit entstanden, das sich zum Bündnis Hamburger Flüchtlingsinitiativen zusammengeschlossen hat.  

Wir hatten dann sprunghaft auf einmal bis zu 600 Ehrenamtliche in den Projekten. Die hatten Kontakte zu Kirchengemeinden und in diverse andere Strukturen mit den dazugehörigen Räumlichkeiten. Es war so viel Eigeninitiative und Eigenorganisation da und so viel Kreativität. Es war wunderbar, aber auch furchtbar anstrengend, weil wir ja auch die Struktur und die Ehrenamtskoordination erst aufbauen mussten. Das war neu für uns.

U: Also, das heißt, die Arbeit mit Geflüchteten hat sich die letzten 10 Jahre total verändert dadurch, dass so viele Menschen begonnen haben, sich zu engagieren.

G: Ob das eine Fahrradwerkstatt war, oder unsere Holz- und Metallwerkstatt. Da sind Projekte draus entstanden, die auch teilweise bis heute weiterarbeiten. Z.B. die Frauen-Schwimmkurse und die Kinderprojekte, die Kunstinitiative in der Brookkehre, das musste das alles gut organisiert und gemanagt werden. Auf einmal kamen neue Forderungen aus der Verwaltung: Jeder Ehrenamtliche muss eine Ehrenamtsvereinbarung haben und ein erweitertes Führungszeugnis. Wir haben Sprechstunden für Ehrenamtliche angeboten und den offenen Ehrenamtstreff. Ehrenamtliche haben die Verwaltungsarbeit mit unterstützt. Es gab dann ein ganzes Büro-Team. Es gab plötzlich kleine Töpfe aus Restmitteln der sozialräumlichen Arbeit, die wir kurzfristig nutzen konnten. Daraus hat sich nachher z.B. das große Patenschaftsprojekt entwickelt, das mit 2 hauptamtlichen Stellen gearbeitet hat.

„Zum Glück konnten wir in Bergedorf auf unsere Erfahrung aufbauen.“

U: Hieß es „Hier habt ihr Geld, also macht was draus?

G: Die Frage war immer, was könnten die Bedarfe dieser Menschen sein. Zum Glück konnten wir in Bergedorf auf unsere Erfahrung aufbauen. Stadtteile, die keine solche Organisation hatten, die mussten ja alles sozusagen ganz neu erfinden. Da haben wir eben gewusst, die Menschen brauchen u.a. Patenschaften für diesen 1 zu 1 Bezug.

Ward ihr denn auch ganz frei darin, diese Bedarfe zu identifizieren und eure Ziele so umzusetzen, wie ihr es für richtig gehalten habt?

G: Als ehrenamtlich arbeitender Verein hat man ja ganz große Freiheiten. Wir konnten, anders als die Behörde, eben sehr flexibel reagieren. Wir haben einerseits in der Beratung die Bedarfe der Geflüchteten gehört. Auf der anderen Seite haben wir eben sehr wachsam und aufmerksam hingehört, wer sich aufgrund welcher beruflichen oder privaten Erfahrungen und Kenntnisse für welche Ehrenämter eignen würde. Handwerklich Begabte haben z.B. Handwerksprojekte gemacht. 

„…die Kreativität und das Maß an Eigenorganisation, … das ist etwas, das entsteht wahrscheinlich nur in Notsituationen, wenn es noch gar keine Strukturen gibt.“

 U: Also das hört sich ja so an, dass diese Arbeit, die Ihr hier geleistet habt, von einem Amt so hätte überhaupt nicht geleistet werden können, obwohl auch gesagt wird, dass das eigentlich auch deren Aufgabe wäre.

G: Es braucht beides. Die staatlichen Integrationsangebote bilden langfristig die Basis. Dies kann ehrenamtlich nur ergänzt und unterstützt werden. Das Ehrenamt kann das nicht alleine leisten.
Die behördlichen Strukturen mussten 2015/2016 ja erst nach und nach aufgebaut werden. In der Behörde gibt es heute tolle Kollegen, die den Kontakt halten zu den migrantischen Selbstorganisationen und dergleichen. Die haben auch Projektideen und setzen viel um, können häufig eher und schneller auf Mittel zurückgreifen. Andere Maßnahmen werden über die Länder, den Bund (z.B. über das Bundesamt für Migration und Flucht) oder über EU-Fördergelder finanziert.

Aber die Kreativität und das Maß an Eigenorganisation, das sich aus der großartigen Initiative dieser vielen Menschen, die sich 2015 / 2016 gemeldet haben, entstanden ist, das ist etwas, das entsteht wahrscheinlich nur in Notsituationen, wenn es noch gar keine Strukturen gibt, ganz organisch und kreativ. Manchmal weiß ich selber überhaupt nicht, wie wir das hingekriegt haben. Diese ganze Zeit aufzubringen – das ist mir im Nachhinein gar nicht klar. Ich habe nur so gemacht, gemacht, gemacht.

U: Gab es da nicht auch Momente, wo man über seine Grenzen gegangen ist, Momente der Überforderung?

G: Ja, 2015/16/17 würde ich schon sagen, dass viele von uns sich sehr verausgabt haben und über ihre persönlichen Grenzen hinweggegangen sind, einfach weil die Bedarfe und auch die Not so groß waren. Wir haben sicher 60,70 Stunden-Wochen gehabt und haben z.T. noch Vollzeit gearbeitet. Die offiziellen Strukturen wurden ja erst nach und nach aufgebaut.

Dann kamen 2017 die ersten finanzierten Projekte. Dazu gehört dann ja auch zum Beispiel das „Haus für Alle“, das aus der Bergedorfer Machbarschaft 2015 entstanden ist. Bergedorf brauchte eine offene Anlaufstelle, einen Ort der Begegnung für Menschen aus Wohnunterkünften, aber auch für diejenigen, die aus Wohnunterkünften ausgezogen sind, und für Deutsche, die Geflüchtete unterstützen wollen ebenso wie für Deutsche und langjährig hier lebende Migranten – eben einen Ort für alle Bergedorfer, der Beratung und Begegnung ermöglicht in einem Café. Wir, das waren Bergedorfer für Völkerverständigung, Fluchtpunkt Bergedorf, die Ausbildungsplatzinitiative des DGB und die fünf Integrationsträger in Bergedorf, Internationaler Bund, Caritas, SBB Kompetenz, Der Begleiter und IN VIA.

Aus diesem Grundgedanken ist das Haus für Alle entstanden, welches im SerrahnEINS seinen Platz gefunden hat. Zusätzliche Projekte haben dann das Beratungsangebot im Haus für Alle ergänzt, z.B. das Projekt Mi4Mi des BAKM, in dem Migranten anderen Migranten bei der Integration in den Arbeitsmarkt geholfen haben. Dann endete leider deren Projektförderung. Aber die Freiwilligenagentur und die MITmacher suchen Projekte und Träger, wo migrantische Ehrenamtliche in anderen Organisationen aktiv werden können. Das ist ja auch wichtige Integrationsarbeit. Sprungbrett e.V., der Hamburger Verein, der Deutschen aus Russland e.V., die Verbraucherzentrale sind weitere Kooperationspartner im Haus für Alle.

Weitere geförderte Projekte des Bergedorfer für Völkerverständigung waren das große Patenschaftsprojekt, die Ehrenamtskoordination, das Integrationsprojekt Wohnen und das Integrationsprojekt Ukraine.      

U: Das sind aber alles Projekte, die immer wieder neu beantragt werden müssen, wo man auch genau im Blick behalten muss, wann sie auslaufen.          

G: Genau, und das ist natürlich etwas, wo wir aufgrund unserer langjährigen Erfahrung mit dem Haus für Alle sagen, es kommt auch irgendwann der Zeitpunkt, da muss ein Projekt in der Finanzierung verstetigt werden. 

Anlaufpunkte/ Begegnungsorte wie das Haus für Alle, die von den Menschen aus den Wohnunterkünften und aus dem ganzen Bezirk und darüber hinaus wirklich stetig genutzt werden, haben eindeutig eine wichtige langfristige Integrationsfunktion.

Erst kommen Menschen mit ihrer ganzen Post, ihren Fragen und Sorgen, dann übernehmen sie z.T. selber ein Ehrenamt, erarbeiten sich die Voraussetzung in den Beruf einzusteigen und werden dann selber zum Kultur-Anbietenden oder Kulturnutzer im Haus für Alle oder SerrahnEINS. Das heißt, die Ehrenamtlichen, die im Haus für Alle mitarbeiten, ob sie nun arabisch sprechend sind oder Farsi oder Russisch sprechen, die kommen und machen hier inzwischen eigene Kulturveranstaltungen.

Einige unserer Ehrenamtlichen haben jetzt wiederum den Verein Menteevation mitgegründet, wo junge studierte Migranten aus Afghanistan und anderen Ländern wiederum Schülern an den Bergedorfer Schulen auf dem Bildungsweg als Bildungspaten zur Seite stehen.

U: Also Migranten sind jetzt zum Teil schon so weit, dass sie selbst eigene Vereine gründen und wieder ehrenamtliche Arbeit leisten oder Kulturveranstaltungen hier anbieten.

G: Ja genau!

Der Chora Mixta ist ja auch aus unserer Arbeit heraus entstanden. Und neben dem Beratungs- und Begegnungscafé auch das Café der Kulturen.

Im Moment ist Sprachvermittlung ein Schwerpunkt im Café der Kulturen, weil die Ukrainer*innen eben nur sehr schwer Sprachkurse bekommen.

U: Es wird ja gesellschaftlich kritisiert, dass die ukrainischen Flüchtlinge z.T. anders behandelt werden als z.B. die Geflüchteten aus Afghanistan. Stimmt es, dass es zum Teil auch zu Konflikten zwischen den Geflüchteten kommt?

G: Ja, solche Erfahrungen haben wir gemacht. Dass Menschen in den Wohnunterkünften, die lange einen unsicheren Status haben und lange Aufenthaltszeiten in den Wohnunterkünften haben, bis sie überhaupt ausziehen dürfen, dass die sagen, sie fühlen sich teilweise behandelt wie Menschen zweiter Klasse. Weil die Aufnahme von den ukrainischen Geflüchteten eben gleich mit einer besseren finanziellen Versorgung verbunden ist, gleich mit einem sicheren Aufenthaltsstatus. Das wird sehr wohl wahrgenommen.

U: Hat das denn zu unmittelbaren Konflikten geführt zwischen den Geflüchteten?

G: Da habe ich persönlich keine direkten Erfahrungen, aber das halte ich gut für möglich. Dazu müsste man dann tatsächlich Fördern+ Wohnen befragen. Ukrainische Geflüchtete sind größtenteils in Interimsunterkünften, z.B. in Hotels untergebracht. Das reduziert auch das Reibungspotential. Ja, das ist schwierig, wenn Menschen so unterschiedlich behandelt werden.  

U: Was würdest du dir von Gesellschaft und Politik hinsichtlich der Unterstützung von Flüchtlingen wünschen? 

G: Ich würde mir von Gesellschaft und Politik wünschen, dass sie die Gesellschaft öffnen, nicht abschotten an den EU-Außengrenzen. Die Menschen, die zu uns fliehen, bringen so viele Potentiale mit, die unsere Gesellschaft bereichern, viele sind genau die so sehr gesuchten Fachkräfte. Es sollten legale Einwanderungsmöglichkeiten geschaffen werden, so dass Menschen ohne Gefahr für Leib und Leben zu uns kommen können.

Ich wünsche mir, dass Gesellschaft und Politik unsere humanitären Werte nicht verraten, sondern Geflüchtete ihre Asyl- und Menschenrechte gewährt bekommen.

Ich wünsche mir, dass sich Politik und Gesellschaft für wirklichen Frieden, Demokratie, Menschenrechte, Bildung und Ernährungs- und Lebenssicherheit in den Herkunftsländern einsetzen. Dann würden viele Menschen gar nicht erst fliehen.   

U: Du hast ja schon total viel erzählt und wir können jetzt überlegen, ob jetzt aus deiner Sicht vielleicht noch ein Aspekt fehlt.

G: Wir haben noch nicht darüber gesprochen, dass ich nach 35 Jahren aus privaten Gründen den Vereinsvorsitz nicht weiter fortsetzen kann. Ich habe darauf hingearbeitet, neue Trägerschaften für alle Projekte zu finden. Das Integrationsprojekt Wohnen hat ja jetzt die Stiftung TO HUUS gegründet, um das Projekt fortzusetzen. Sie verhilft damit Menschen in Kooperation mit den Wohnungsbaugesellschaften Wohnraum zu finden. Das finde ich großartig, dass diese Arbeit weitergeht.

Das Gleiche gilt natürlich auch für das Haus für Alle, welches seit 2017 hier im Serrahn verortet ist und die Übernahme dieses Projektes durch den SerrahnEINS e.V.. Patenschaften, Ehrenamtskoordination, alle Kleinprojekte wie die Fahrradretter, die Frauenschwimmkurse, der Chora Mixta, die Kunstinitiative Brookkehre, die Koop. mit dem Alphabetisierungskurs, der Treff für junge erwachsene Geflüchtete „Leben in Deutschland“ und ab 2024 auch das Integrationsprojekt Ukraine gehören mit zum Gesamtkonzept des Hauses für Alle.

Insofern bin ich sehr froh, dass die Arbeit weitergehen kann, dass das, was aufgebaut wurde, nicht davon abhängig ist, ob ich als Vereinsvorsitzende weitermachen kann oder nicht.

Ich werde meinen Beitrag weiterhin leisten in der fachlichen Koordination für das Haus für Alle.

U: Wir danken dir für das Gespräch.

Thomas und Klaus