Corona Debatte

Im Juni 2020 veröffentlichten wir (das Redaktionsteam) “Neun Fragen zu Corona”. Wir wollten damit eine Debatte eröffnen, es gelang aber eher nicht: Ein Leserbrief von Achim trudelte ein, Monate später kam einer von Uschi. Nun hat Rudi darauf geantwortet und Thomas steuert ein Thesenpapier von Attac bei. So ist jetzt genug Stoff da, um es nochmal zu versuchen: Ein Debatte führen über “Das Thema” jenseits des medialen Dauerfeuers und kruder Verschwörungstheorien. Wer daran auch interessant ist und etwas beitragen möchte, schickt eine Mail an redaktion@unteilbar-bergedorf.org.

Leserbriefvon Joachim Weretka, Hamburg, September 2020
Aluhut gegen Corona-Diktatur

Selten wurde aus so (vermeintlich) unterschiedlichen Gründen und Ecken gemeinsam protestiert.

Besorgte Bürger, Impfgegner, Verschwörungs-Anhänger, Nazis, von AfD bis zu Reichsbürgern, ja auch Linke und Umweltschützer laufen mit: Sie alle fühlen sich nicht vom Virus, sondern von einer Corona-Diktatur bedroht.

Dabei scheuen sich die Rechtsradikalen nicht, die heutige Lage mit der Machtergreifung Hitlers zu vergleichen. Verlogener geht’s kaum noch.

Diese krude Mischung sucht vereint nach einem oder mehreren Schuldigen, die den Virus erzeugt haben, oder ihn benutzen.

Selbst wenn die eine oder andere Corona Maßnahme zu früh, zu spät oder nicht wirksam war, ist das Erklärungsmuster der Corona-Leugner rein mystischer Natur.

So wird die angebliche Corona Diktatur von obskuren Mächten (deren Teil auch Merkel ist) ausgeübt, deren Bekämpfung sich dem „normalen“ Feindbild (Diktatoren, Imperialisten, Großkapitalisten und alle zusammen) verschließt.

Finde den Ort, an dem die zumeist jüdischen Despoten das Blut kleiner Kinder saufen und die Tötung von Milliarden Menschen vorbereiten. Dagegen war der Kampf von Mittelerde gegen die Orx knallharte Realität.

Nun könnte man sagen, naja diese Spinner, aber das Muster ist gefährlich.

Die Suche nach einem Feind (der Jude und das Großkapital, Bill Gates) gepaart mit dem Opferstatus (das Bild der Hexen wird bemüht) ist der Boden, der nicht nur das Denken umnebelt, sondern die Rechtfertigung für den (auch bewaffneten) Widerstand bietet.

Das hat leider schon häufiger funktioniert: Von den Juden Pogromen im Mittelalter wegen eines unsichtbaren und damit unerklärlichen Virus, der Pest, bis hin zum Feindbild der Faschisten, in dem das Weltjudentum im Schulterschluss mit dem Kommunismus das Deutsche Volk bedroht haben soll.

Die Gefahr ist ungleich kleiner, dass diese Hetze heute verfängt, aber das Muster Corona für diese Propaganda zu nutzen ist dasselbe. Rechte Strategen haben das erkannt und nutzen Aluhüte, Traumtänzer und selbst den viel zitierten besorgten Bürger als Staffage.

Ich finde soviel sollten wir aus unserer Vergangenheit gelernt haben.

Diese Abgrenzung macht mich nicht zum glühenden Anhänger unserer Demokratie. Aber mit Blick auf Trump, den „lupenreinen Demokraten” Putin, Bolsenaro oder Orban, kann ich bei uns keine Corona Diktatur erkennen.

Leserbriefvon Ursel Arova, Hamburg, Dezember 2020
Antwort auf “Aluhut gegen Coronadiktatur”

Liebe Unteilbare,
die ihr für eine freie und offene Gesellschaft seid, eine solche Gesellschaft ist auch meine Vision.

Wenn ich aber den Leserbrief „Aluhut gegen Coronadiktatur“ lese, dann bin ich doch mehr als irritiert.

In einer offenen Gesellschaft erwarte ich, dass man sich mit der Meinung Andersdenkender auseinandersetzt, mit ihnen spricht und fragt, auf welche Quellen sie sich beziehen, dass sie eine andere Meinung haben als der Mainstream. Ein Austausch von Argumenten, eine Diskussion auf Augenhöhe ohne Vorverurteilung ist angebracht, dann würde offensichtlich, dass es auch unter den „Andersdenkenden“ ganz unterschiedliche Meinungen gibt und nicht alle in einen Topf geworfen werden können.

Es wäre doch möglich, dass beide Seiten voneinander lernen. Und wenn dann nach einem sachlichen Austausch die unterschiedlichen Meinungen bestehen bleiben, so gilt es, Toleranz zu üben.

Aber mir scheint, nach einer Phase der Aufklärung, in der solch ein Austausch von Argumenten und Diskussionen noch möglich war, kehren wir ins Mittelalter zurück.
Wenn die Kirche sagte, die Erde ist eine Scheibe, dann war das so, weil die Kirche das sagte. Das durfte nicht hinterfragt werden. Ein unabhängiger Wissenschaftler, der dazu eine andere Erkenntnis hatte, wurde auf den Scheiterhaufen geworfen.

Heute sagt uns die Regierung, was Sache ist und „wir dürfen die Regeln niemals hinterfragen“ (Wieler vom RKI in der Pressekonferenz am 28.07.2020, ca. 27:40 ).
Und unabhängige Wissenschaftler werden diffamiert, Kanäle und Youtube-Videos werden gelöscht.

Ist „Wahrheit“ also wieder davon abhängig, wer sie ausspricht?

Wenn ich ein Haus kaufen und begutachten lassen möchte, nehme ich nicht den Gutachter des Maklers, ich wähle einen unabhängigen. Ich vermisse aber den Diskurs mit unabhängigen, kritischen Wissenschaftlern. Stattdessen ist ein Virologe das Sprachrohr der Regierung und wird in den Medien eine Propaganda gemacht, wie ich sie nicht mehr für möglich gehalten hätte. Und wer sich zu fragen und zu zweifeln traut, wird sofort diffamiert.

Dabei macht genau das eine demokratischen Gesellschaft aus. Wenn Fragen und Zweifeln nicht mehr erlaubt sind, fast verboten werden, dann ist die Demokratie in Gefahr. Wenn ich das aber mich auszusprechen traue, dann bin ich eine Rechte, eine Aluhutträgerin, eine Covidiotin. Dann wenden sich Menschen ab, ohne zu prüfen, ob an meinen Zweifeln nicht doch etwas dran sein könnte.

Und dann findet sich auf der Homepage von Unteilbar Bergedorf ein Leserbrief, der aber genau an der Spaltung der Gesellschaft arbeitet, statt für eine Gesellschaft, in der man respektvoll, frei und offen miteinander umgeht, dann lässt das nichts Gutes für die Zukunft hoffen.

Haben nicht die Leute aus dem „linken“ Spektrum erlebt, wie Presse die Dinge verzerrt darstellt? Wie sie z.B. im Kampf gegen die Atomkraft verunglimpft und von Wasserwerfern angegriffen wurden, man ihren Kampf für gesellschaftliche Werte negativ dargestellt hat? Dass sich bei Protesten zum G20 Gipfel Provokateure unter die Demonstranten mischten, um Unruhe zu stiften und so zu ermöglichen, dass massiver Polizeieinsatz gegen die friedlichen Demonstranten damit gerechtfertigt wurde, dass verdeckte Ermittler in die Rote Flora eingeschleust wurden.
Das kennt ihr doch. Und trotzdem unterstützt Ihr jetzt den Staat durch Eure Konformität? Ihr wisst doch, wie die Machtstrukturen funktionieren. Und jetzt redet ihr der Regierung nach dem Mund?

Ich empfehle denen, die bereit sind, sich mit den Machtstrukturen auseinanderzusetzen, die seit Jahrzehnten vorbereitet, aber massiv seit 1989 weiterentwickelt werden, das Interview mit Dr. Matthias Burchardt.
(Dr. phil. Matthias Burchardt ist Akademischer Rat an der Universität zu Köln. Forschungsgebiete: Anthropologie, Bildungstheorie und Bildungspolitik. Als Kritiker der Bildungsreformen im Namen von PISA und Bologna bezieht er in Interviews, Artikeln, Vorträgen und politischen Anhörungen auch zu Fragen der Digitalisierung eindeutig Position.)

Er geht auf die Metaebene und da lässt sich eine Menge verstehen, besonders interessant ab Minute 27:20 zum Thema Propaganda. Und ab Minute 32:20 die Folien mit Zitaten von Bernays aus den 1920ern, die schon die Nazis verinnerlicht und genutzt haben. Die Technik der Schocktherapie ist wieder äußerst aktuell.

Nehmen wir uns ein Beispiel an Kant und treten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit aus. Lasst uns, die wir etwas für die Gesellschaft tun wollen, dies gemeinsam tun und nicht gegeneinander.

Beitragvon Rudi Walter, Hamburg, Januar 2021
Antwort auf Ursels Leserbrief

Was will uns dieser Leserbrief sagen?

In dem Leserbrief von U. Arova wird gefordert, „sich mit der Meinung Andersdenkender auseinanderzusetzen“.
Mit dieser Aussage beginnt das Grundproblem des Leserbriefes von U. Arova. Mit welcher Meinung soll ich mich auseinandersetzen? Corona gibt es nicht? Oder die Herdenimmunität ist erreicht? Oder dass das Argument mit den Rechten doch nur benutzt wird, um die Demos zu diffamieren? Sind Desinfektionsmittel eine Gefahr? Mit solchen inhaltlichen Aussagen kann sich auseinandergesetzt werden. Die Behauptung, Corona ist nicht gefährlicher als ein Grippe-Virus, ist inzwischen anhand der Realität widerlegt. Viele andere Aussagen der Corona-Leugner auch. Aber die These, dass der Leserbrief von A. Weretka an der Spaltung der Gesellschaft arbeitet, wird nicht belegt.

Welche Aussagen sind inhaltlich falsch in dem Leserbrief von A. Weretka? Ja, meiner Meinung nach ist es notwendig, sich von Nazis und rechten Verschwörungsdemagogen zu distanzieren. Auch die Aussage von U. Arova „Und jetzt redet ihr der Regierung nach dem Mund?“ ist nicht stichhaltig. Wer ist „ihr“ und mit welchen Aussagen oder Handlungen wird das gemacht? Im Weiteren werden nebulöse Behauptungen aufgestellt wie Zweifel seien nicht mehr erlaubt, wird der Vorwurf erhoben, geschichtsvergessen zu sein. Die Kraft des eigenen Arguments kann nicht durch Verweise auf youtube oder Hinweise auf das Internet ersetzt werden. Wie entscheide ich, welcher Wissenschaftler recht hat, was heißt „unabhängiger kritischer Wissenschaftler“? Dazu ist der Austausch von inhaltlichen Argumenten notwendig, also eigenes Denken und kritisches Hinterfragen sollte hier Maßstab sein. Ja, es ist richtig, dass Internetfirmen zensieren und Profitmachen der rote Faden ihres Handelns ist. Aber das ist nun mal so im Kapitalismus. Ja, es ist richtig, dass viele Verordnungen sehr problematisch sind, weil sie die Freiheit einschränken. Aber wenn die Regierung und der größte Teil des Parlaments es wollten, hätten sie längst die Notstandsgesetze (verabschiedet 1968) auf den Tisch gelegt. Ja, dann würde ich auch die Demokratie in Gefahr sehen. Was für eine Erwartung hast du von einer sogenannten Demokratie im Kapitalimus? Wer hier bei uns von Diktatur spricht, sollte sich in der Welt umschauen wie Diktaturen aussehen, wie in Saudi Arabien, Iran, Türkei oder nicht zuletzt China, ganz zu schweigen von Putins Schattenreich. Diese Liste lässt sich leider noch lange fortführen. Richtig ist auch, dass es bei uns staatlich verordnete Berufsverbote gab, aber selbst in dieser Zeit gab es keine gleichgeschaltete Justiz.

Wer also keine Diktatur will, der muss sich in aller Entschiedenheit und aller Konsequenz von Rechts- und Verschwörungsideologen nicht nur distanzieren, sondern auch aktiv gegen sie vorgehen. Und das sollten auch und gerade selbsternannte Demokraten mit einem hervorragenden Immunsystem tun!

Beitragvon Thomas Deuber, Hamburg, Januar 2021
Die Diskussion bei Attac

Um in der Corona-Diskussion die Schwerpunkte etwas zu verschieben, möchte ich gerne ein attac-internes Strategiepapier in die Runde geben, da es thematisiert, dass

  • die ausschließliche Diskussion über die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen von der notwendigen Diskussion über die systemischen Ursachen dieser und zukünftiger Pandemien ablenkt: Die industrielle und renditeorientierte Landwirtschaft und der damit einhergehende Rückgang der Biodiversität,
  • die Kritik z.B. an den Verschwörungsmythen um Bill Gates sehr wohl auch auf die Interessen u.a. der Pharmaindustrie in der Bewältigung der Krise eingehen muss.

Die Corona-Pandemie – Ursachen und gesellschaftliche Gegenstrategien