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Mit geröstetem Kaffee gegen rohe Gewalt

Wer ist die geheimnisvolle Minga vom Bergedorfer Markt?
Wohl jede*r Besucher*in des Bergedorfer Wochenmarkts kennt den Kaffeestand Popular Deluxe. Und seit kurzem auch das Popular Café im Plietsch im Sachsentor 23: Cappuccino oder Espresso bei Gebäck und Plausch.
Aber: Was hat Kaffee mit Gewalt, Kokain und Solidarität zu tun? 

Der Weg des solidarischen Kaffees

Foto: CENCOIC

Von Bergedorf zur indigenen Kooperative CENCOIC in Kolumbien: Von dort kommen die hier angebotenen Kaffees Botero und Espresso Minga – als Rohkaffee direkt importiert vom Hamburger Kaffeekollektiv Aroma Zapatista, geröstet vom Rösterkollektiv La Gota Negra. 
Wichtig hierbei ist der Direkthandel zwischen Erzeuger und Röster. Im Gegensatz zum Fair Trade Siegel gewährleistet er den Kaffeebauern auch in ungünstigen Weltmarktsituationen Existenz sichernde Preise. Aroma Zapatista sichert ihnen einen stabilen Preis zu, der über Weltmarkt-Niveau und dem Fair-Trade-Mindestpreis liegt. Das ist nur möglich, weil beim Direktimport alle Stufen des Zwischenhandels übersprungen werden. Darüber hinaus setzt Aroma Zapatista  den eigenen Erlös gezielt zur Unterstützung von Projekten der indigenen Gemeinschaft ein.

Der Kaffeeanbau: Eine lange Geschichte von Vertreibung, Sklaverei und Völkermord
Zum einen ist die Geschichte des Kaffeeanbaus seit dem 17. Jahrhundert eine Geschichte von Sklaverei, Vertreibung und Genoziden. Hiervon waren auch die indigenen Völker des heutigen Lateinamerikas in besonderer Weise betroffen. Zum anderen ist gerade der Kaffeeanbau und -vertrieb für einige indigene Völker eine mögliche ökonomische Grundlage, die eigene Autonomie gegen vielerlei aktuelle Bedrohungen zu behaupten.

Kolumbien: Kaffeeanbau in einem Umfeld von Drogenindustrie und Waffengewalt
Mehrere der indigenen Völker in Kolumbien konnten sich des Schicksals der vollständigen Auslöschung wie in Haiti oder der Vernichtung ihrer Identität wie in El Salvador erwehren. Aber auch sie sind einer ständigen Bedrohung ausgesetzt.
Das Departamento del Cauca liegt im Südwesten Kolumbiens. Es ist eine der am heftigsten umkämpften Konfliktzonen Kolumbiens, in der immer wieder Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen und indigene und soziale Führer ermordet werden. Hier verlaufen  wichtige Transportrouten der Narcos. Diverse bewaffnete Gruppen kämpfen hier um die Vorherrschaft: rechtsextreme Paramilitärs, mexikanische Drogenkartelle, Dissidenten der FARC und andere. Alle diese Gruppen finanzieren sich hauptsächlich über Drogen. Und allen sind die selbstverwalteten indigenen Strukturen im Weg. Morde sind an der Tagesordnung.
Das Jahr 2023 im Departamento Cauca endete mit der Ermordung von fünf Angehörigen des Resguardos Canoas …. Insgesamt zählte die Nichtregierungsorganisation Indepaz damit im Jahr 2023 landesweit 94 Massaker.  
Dieser Gewalt trotzen die im Indigenen Regionalrat des Cauca CRIC zusammengeschlossenen indigenen Völker des Departamento auf ihre Art. Zum Beispiel mit der Minga und mit der Guardia.

Screenshot: Aroma Zapatista

Wer  weiß schon, was die Minga ist?
Das Wort Minga kommt aus dem Quechua und beschreibt einerseits eine gemeinschaftliche Arbeit und kollektives Handeln der Indigenen. Andererseits ist es die Bezeichnung der Indigenen des Cauca für ihre großen Demonstrationen und Mobilisierungen.  Also mit jedem Schluck Minga-Espresso oder Minga-Cafe führen wir uns mit etwas Glück ein Stückchen Bewusstsein für Gemeinsamkeit, Verantwortung und Widerständigkeit zu.

Die hart erkämpfte Autonomie im Cauca
Nach einem zähen Kampf über Jahrzehnte haben die elf indigenen Ethnien des Cauca dem Staat ihre Autonomie abgerungen. Zwischenzeitliche gewaltfrei erreichte  Erfolge wurden durch die brutale Repression durch Lokalregierungen und Großgrundbesitzer zunichte gemacht. Das änderte sich erst 1991. Ohne den zuvor geleisteten bewaffnetem Widerstand durch die indigene Bewegung „Movimiento Armado Quintín Lame“ wäre das wohl nicht möglich gewesen, denn das Niederlegen der Waffen war die Gegenleistung für die Gewährung der indigenen Autonomie.

Foto: privat von Manuel

Kaffee als ökonomische Basis für das Überleben der indigenen Selbstverwaltung
„Aktuell hat eine Kuh in Kolumbien rund zwei Hektar Land, eine durchschnittliche Familie aber nicht mal einen halben. “ Dieser Satz der indigenen Journalistin Diana Collazos Cayapú veranschaulicht das Grundproblem. Alle Versuche zu einer gerechteren Landverteilung sind bisher am gewaltvollen Widerstand der Oligarchen gescheitert. Selbst das im Friedensvertrag von 2016 vereinbarte Landrückgabeprogramm kam zumindest bis 2022 nur schleppend voran.
Für die  indigenen Gemeinden im Cauca liegt die Lösung daher im  unabhängigen Aufbau einer selbstbestimmten „eigenen Wirtschaft“ im Rahmen der Selbstverwaltungen. Dem Kaffee-Anbau fällt dabei eine Schlüsselrolle zu. Durch die CENCOIC erhalten die rund 3.000 in ihr organisierten Familien direkten Zugang zu Handelsstrukturen und bessere Preise. Die Kooperative unterstützt sie mit Agrartechniker*innen,  Fortbildungen sowie der Verbesserung ihrer Produktion. 

 

Drogen oder Kaffee
In den indigen selbstverwalteten Gebieten soll der Anbau von Koka verbannt werden. Das ist schwierig. Denn der Anbau von Kaffee ist dagegen ungleich mühseliger und längst nicht so einträglich. Bei der Kokaernte verdient ein Helfer viermal so viel wie bei der Kaffeeernte.
Damit der Anbau von Kaffee als Alternative lohnenswert sein kann, braucht es die Strukturen der Selbstverwaltung, der Kooperativen und den unabhängigen, direkten Handel. Den Gemeinschaftsbetrieben geht es auch darum, eine Alternative zu den bewaffneten Gruppen und der Drogenwirtschaft zu schaffen.

Fazit
Kaffee ist mehr als das, was man sich in die Tasse gießt.
Vor dem Hintergrund der blutigen Geschichte des Kaffeeanbaus und der aktuellen Gewalt gegen indigene Völker ist der Kaffeegenuss auch eine Frage der Solidarität. Gerechte Handelsstrukturen, die gute Preise unabhängig vom Weltmarkt garantieren, haben für uns als Verbraucher auch einen gewissen, aber vergleichsweise geringen  Preis. Und dennoch braucht man auf Genuss nicht verzichten.

Screenshot: Aroma Zapatista

Ein ausführlicher Artikel zu diesem Thema erscheint demnächst auf der website www.unteilbar-bergedorf.org

Links:

Aroma Zapatista:       https://www.aroma-zapatista.de/
La Gota Negra:            https://www.la-gota-negra.de/
Popular Deluxe:         https://www.craftplaces.com/de/details/profil/popular-deluxe-cafe
CENCOIC:                      https://cencoic.com.co/deptocafe/

Klaus Noßeleit  (unteilbar-bergedorf) / Juni 2024