Resqship: Pressemitteilung vom 24. Juni 2023: Segelschiff wird zu medizinischer Ersthilfestation auf See

Rettungseinsatz mit so vielen medizinischen Fällen wie nie zuvor – 45 Menschen erstversorgt und sicher nach Lampedusa gebracht.

Die Crew des Segelschiffs Nadir der Organisation RESQSHIP konnte am Freitagnachmittag bei einem Seenotfall 45 Menschen bergen, acht von ihnen benötigten medizinische Erstversorgung. Nach dreistündigen Verhandlungen erhielt die Crew die Anweisung, die Geflüchteten an Bord zu nehmen und sicher nach Lampedusa zu bringen. Insgesamt war es bereits das 17te Boot in sechs Tagen. Somit konnte die aktuelle Crew der Nadir bereits 513 Menschen Unterstützung leisten, seit sie in See stachen.

Ein Fischer meldete den Seenotfall in der maltesischen Such- und Rettungszone (SAR) bereits am Freitagmittag. 45 Menschen befanden sich an Bord des Metallboot, ohne jegliche Rettungswesten. Die Menschen befanden sich seit über drei Tagen auf dem Wasser, nachdem sie am Dienstag in Sfax, Tunesien, gestartet waren. Der Motor des Boots war schon wenige Stunden nach Abfahrt nicht mehr funktionsfähig. Das Boot hatte Schlagseite und Wasser drang ein. Die 45 Menschen, elf davon Frauen, darunter eine Schwangere, 12 Männer, 20 Minderjährige und zwei Kleinkinder hatten seit anderthalb Tagen kein Trinkwasser mehr. Viele von ihnen waren seekrank und stark dehydriert. Im Salon des Segelschiffs Nadir können bei Bedarf Menschen medizinisch erstversorgt werden, doch für die 8 Menschen, die medizinische Versorgung benötigten, wurden die Kapazitäten letztendlich knapp.

„Es wurden noch nie so viele Menschen gleichzeitig an Bord medizinisch versorgt“, erzählt Dr. Rachel Austin, Ärztin an Bord der Nadir, über die Behandlung der Geflüchteten an Bord. „Eine so lange Zeit dem offenen Meer ausgesetzt zu sein, ohne jegliches Trinkwasser führt zu massiver Dehydration, hinzu kommen die psychologischen Folgen.“

Auf Anweisung der Behörden konnten nach drei Stunden alle Menschen an Bord genommen und sicher nach Lampedusa gebracht werden. „Diese Anweisung bekommen wir meist erst nach langwieriger Verhandlung mit der Küstenwache“, berichtet Pietro Desideri, Kommunikationskoordinator an Bord der Nadir. „Durch das Hinhalten seitens der Behörden wird die Dauer der unmenschlichen Zustände für die Menschen, die meist schon mehrere Tage unterwegs sind, noch künstlich verlängert. Dies ist lediglich eine von vielen Facetten der Festung Europa.” Erst Samstagmorgen gegen 7 Uhr konnten die Menschen sicher in Lampedusa an Land gehen.

Es ist bereits das zweite Mal in dieser Woche, dass die Nadir Geflüchtete nach Lampedusa bringen musste. Die Situation auf dem Mittelmeer ist derzeit extrem angespannt: ein Seenotfall nach dem anderen wird der Crew der Nadir gemeldet, die italienischen Behörden stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, sie werden von den restlichen EU-Staaten alleine gelassen, die dabei total versagt, überhaupt Hilfe zu leisten. Es ist ein weiteres Kapitel in einer Tragödie, die sich seit Jahren zuspitzt.

Über RESQSHIP:
Resqship e. V. fährt seit 2019 Beobachtungsmissionen im zentralen Mittelmeer, um auf die prekäre Situation von Menschen auf der Flucht aufmerksam zu machen und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Im Ernstfall leisten die Crews unterstützende Maßnahmen zur Seenotrettung und kommen damit ihrer maritimen Pflicht zu helfen nach.

Weitere Informationen zu RESQSHIP: https://resqship.org/ 

Pressekontakt: Linda Rochlitzer
E-Mail: presse@resqship.org, Tel.: +49 160 6808070